Rücksichtslos, haltlos, wert(e)los: Jugendgewalt – eine gesellschaftliche Herausforderung

Das Thema des Fachtages beschäftigt uns in unserer Praxis mit jungen Menschen, weil wir den Eindruck haben, immer häufiger mit Gewalt konfrontiert zu sein und auch die Formen der Gewalt durch Jugendliche sich verändern. Die Herausforderungen, die sich in diesem Zusammenhang für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ergeben, sind sehr komplex und bedürfen intensiver fachlicher Auseinandersetzung und Begleitung. Wie können wir Mitarbeitende in unseren Einrichtungen und Angeboten stark machen, den jungen Menschen immer wieder offen entgegenzutreten, auch wenn sie dabei oft selbst an Grenzen der Belastbarkeit geraten? Es ist uns besonders wichtig, nicht zu polemisieren, es reicht nicht, Schuldige zu identifizieren. Wir wollen den Dingen auf den Grund gehen und wirksame Methoden und Ansätze herausfiltern, die uns befähigen, dem Phänomen Jugendgewalt professionell zu begegnen. Wir geben „Hoffnung auf Leben“ und verstehen Gewalttaten von Jugendlichen zunächst einmal als Ausdruck eigener Hoffnungs- und Hilflosigkeit. Das Schlagwort „Täterarbeit ist Opferschutz“ bekommt an dieser Stelle besondere Brisanz, sind wir doch oftmals die letzte Anlaufstelle für junge Menschen, die durch verschiedene Umstände auf Abwege geraten sind.

Viele Fragen begleiteten uns in die Veranstaltung: Gibt es tatsächlich einen quantitativen Anstieg von Gewalttaten, die durch Jugendliche verübt werden und hat sich die Art der Gewaltausübung verändert und faktisch verschärft? Haben wir es mit einem Werteverfall der nachwachsenden Generationen zu tun oder ändert sich der gesellschaftliche Maßstab zur Beurteilung des Verhaltens der Jugend? Gab es früher – und wann früher – ein verlässlicheres Moralverhalten junger Menschen als heute? Welche Rolle spielen neue Medien zum einen für die Entwicklung der Jugendgewalt, zum anderen für die Verbreitung von Meldungen? Was genau bringt junge Menschen dazu, Gewalt auszuüben oder sie gutzuheißen?

Darüber hinaus beschäftigt uns die Frage: Wie können wir in unseren Kindertagesstätten, in denen wir Menschen in ihrer prägbarsten Lebensphase begleiten, Werte vermitteln und ein respektvolles Miteinander einüben? Wie können wir Kinder für die Zukunft stärken und verhindern, dass sie eigene Bedürfnisse durch Aggressivität ausdrücken?

Jugendgewalt heute

„Killer von München: Warum sperren wir so ein Pack nicht für immer weg?“ (Bild vom 15. September 2009) – „Junge Männer: Die gefährlichste Spezies der Welt“ (Der Spiegel 2/2008) – „Die kleinen Monster: Warum immer mehr Kinder kriminell werden“ (Der Spiegel 15/1998) – Mit Schlagzeilen wie diesen erschrecken uns die Medien nicht nur dieser Tage und vermitteln den dringenden Eindruck, dass die Jugend immer krimineller wird, zu immer brutaleren Mitteln greift, immer jüngere Täter immer öfter zuschlagen, zerstören und randalieren. Und auch der Dresdner Oberstaatsanwalt Christian Avenarius schilderte seinen Eindruck, dass die Schlägereien von Jugendlichen eine erschreckend neue Qualität annähmen, dass Schulhofraufereien nicht mehr aufhörten, wenn einer auf dem Boden liegt, dass Tritte in Bauch und Genitalien, die früher noch tabu waren, zur Routine würden.

Doch lässt sich dieser Eindruck mit tatsächlichen Zahlen belegen? Anders gefragt: Stimmt es, dass die Jugend immer gewalttätiger wird? Antwort auf diese Fragen gibt die Polizeiliche Kriminalstatistik, die der Kriminologe und Soziologe Gerhard Spiess von der Universität Konstanz vorstellte. Er zeigte, dass die Anzahl der angezeigten Straftaten in Deutschland tatsächlich von Anfang der 60er Jahre (1,7 Mio.) bis zum Anfang der 90er Jahre (6 Mio.) angestiegen ist. Seit etwa 1995 ist jedoch ein deutlicher Rückgang der Straftaten zu verzeichnen, so ist etwa in Sachsen die Gesamthäufigkeitszahl polizeilich registrierter Fälle von 1995 bis 2011 um 20 Prozent gesunken. Der Anteil von Gewaltkriminalität an diesen Fällen beträgt nur etwa drei Prozent, und die wirklich schweren Verbrechen wie Mord, Raubmord und Sexualmord sind seit 1971 um ein Drittel (Mord gesamt), die Hälfte (Raubmord) und drei Viertel (Sexualmord) zurückgegangen.

Wie verhält sich nun speziell die Jugend innerhalb dieses allgemeinen Rückgangs schwerer Gewaltverbrechen? Schaut man sich die Struktur der registrierten Delikte nach Alter der Tatverdächtigen an, so fällt ins Auge, dass schwerwiegende und professionell begangene Rechtsgutverletzungen wie Vermögens- und Fälschungsdelikte vor allem von Erwachsenen verübt werden, junge Menschen dagegen überwiegend wegen Bagatelldelikten wie Sachbe­schädigung, Leistungserschleichung und Diebstahl registriert werden. Allerdings haben sich die gefährlichen und schweren Körperverletzungen auf Straßen, Wegen und Plätzen – also dort, wo die Massenmedien zuallererst vor den „kleinen Monstern“ warnen – von 1993 bis 2008 bei der Gruppe der Jugendlichen und Heranwachsenden verdreifacht. Die Gründe für diesen enormen Anstieg sehen Kriminologen wie Spiess jedoch vor allem im veränderten Anzeigeverhalten: Auch leichtere Fälle werden zunehmend polizeilich angezeigt, weil die Menschen sensibler reagieren und weniger Toleranz zeigen.

Verblüffend ist außerdem ein Blick auf die Entwicklung der Opferbelastung: Diese hat nämlich denselben Verlauf wie die Täterstruktur, das heißt: Opfer der angestiegenen Körperverletzungen sind selbst Jugendliche und Heranwachsende, die Delikte spielen sich innerhalb der Gruppe von Jugendlichen ab und bleiben auch auf diese beschränkt. Zudem gilt bereits als gefährliche Körperverletzung, wenn mehr als ein Täter beteiligt ist – die typische Konstellation für Schulhofraufereien also. Der Anteil wirklich schwerer Körperverletzungen an der Gesamtzahl liegt unter einem Prozent.

Auch den Eindruck des „Tatortes Schule“, wo laut Massenmedien Gewalt zum Alltag gehört, belegen die empirischen Zahlen nicht. Laut Schülerunfallstatistik der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung sind die Raufunfälle pro 1.000 Schüler von 16 im Jahr 1993 auf unter zehn im Jahr 2010 zurückgegangen, und die Unfälle mit schlimmen Folgen (Frakturen) von 1,5 pro 1.000 Schüler im Jahr 1993 auf 0,7 im Jahr 2010.

Das Fazit der Statistik: Jugendkriminalität ist tatsächlich rückläufig, und zwar insgesamt ebenso wie im Bereich der Gewaltdelikte. Die Empirie gibt also keinen Grund für eine Dämonisierung der Jugend von heute, und die häufig beschworene Opfergefährdung für Senioren ist äußerst gering. Entgegen der Warnung des Chefs der Senioren-Union, der im Oktober 2011 vor zunehmender Gewalt gegen Rentner und Pensionäre warnte und das prognostizierte zunehmende Gewaltpotential gegenüber älteren Menschen als „in hohem Maße alarmierend“ bezeichnete, sind Senioren unterdurchschnittlich oft Opfer von Gewalt. So zeigt die Täter-Opfer-Konstellation des Landes Baden-Württemberg aus dem Jahr 2010, dass nur zwölf Prozent der Täter gegen Erwachsene ab 40 Jahren unter 21 Jahre alt sind, aber 24 Prozent der Täter gegen Kinder über 40-Jährige sind. Das heißt: Kinder und junge Menschen sind in höherem Maß durch Übergriffe von Erwachsenen gefährdet als umgekehrt.

Neue Medien schaffen eine neue Qualität von Gewalt

Auch wenn die Anzahl schwerer Gewalttaten durch Jugendliche eher abnimmt, ist eine neue Qualität von Jugendgewalt zu beobachten – und zwar aufgrund der neuen Medien wie Handy und Internet. So nutzen inzwischen über 80 Prozent der Jugendlichen Online-Communities wie Facebook für die Kommunikation, die Zahl der Jugendlichen mit Handy hat sich von drei Prozent im Jahr 1998 auf 80 Prozent im Jahr 2009 vervielfacht. In seinem kurzweiligen Vortrag stellte uns Dr. Frank Robertz vom Berliner Institut für Gewaltprävention und angewandte Kriminologie die neuen Tiefen moderner Medien im Zusammenhang mit Jugendgewalt vor und verstand es herausragend, die Gefahren für die Opfer nachvollziehbar zu machen. Seinen Ausführungen nach verändert sich die Dynamik psychischer Gewalt unter Jugendlichen erheblich durch die mögliche physische Distanz zwischen Täter(n) und Opfer(n). Der Aufwand, andere empfindlich durch (auch nachträglich bearbeitete) Fotos in peinlichen Situationen, die unbegrenzt verschickt werden können, zu schädigen, ist so gering wie nie. Oftmals ist den jungen Tätern die Tragweite ihrer Handlungen nicht bewusst – sie verstehen das Versenden von fremden Daten als Spaß.

Die Auswirkungen für Einzelne durch das so genannte Cyberbullying können jedoch verheerend sein, den Alltag an der Schule, in der Familie oder im Freundeskreis zum Spießrutenlauf werden lassen. Selbst wenn die Daten auf einzelnen Handys oder PCs gelöscht werden, bestehen sie im weltweiten Netz jahrzehntelang weiter und können das Opfer etwa bei der Bewerbung um einen Ausbildungsplatz oder im späteren Privatleben nachhaltig schädigen. Auch beschränken sich mediale Angriffe nicht auf einen Lebensbereich wie Schule oder Freizeitverein, sondern treffen das Opfer aufgrund der ständigen Erreichbarkeit zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Die Herausforderung dieser neuen Formen von Gewalt liegt nach Robertz darin, dass die nachwachsende Generation sich eher besser mit der schnelllebigen Medienwelt auskennt und das Internet umfassender, flexibler und grenzenloser nutzt als die erwachsene Generation. Anders gesagt: Die Kluft zwischen den Lebenswelten von Erwachsenen und Jugendlichen wächst. Dadurch ist Schutz und Begleitung junger Menschen im Bereich der neuen Medien oftmals nicht ausreichend gegeben. Die Verantwortung der Erwachsenen liege darin, sich intensiv damit auseinanderzusetzen, was junge Menschen dank neuer Medien erleben, womit sie sich in ihrer Freizeit beschäftigen, worin – angetrieben durch die ständige Kommunikation auf vielfältigen Kanälen – Gefahren für ihre gesunde Entwicklung und Zukunft bestehen.

Er habe es persönlich noch niemals erlebt, so Robertz, dass Jugendliche sein Interesse für ihre Mediennutzung abgewehrt hätten. Im Gegenteil: Laut einer aktuellen Studie wünschen sich Schüler explizit Hilfe und Begleitung von Lehrern und Erwachsenen im Umgang mit neuen Medien und begrüßen die Intervention der Schule bei Vorfällen von Cyberbullying und Happy Slapping (Filmen und Versenden von Schlägereien).

Ursachen für Gewalt durch Jugendliche

Wenn wir uns mit Fragen zur Jugendgewalt beschäftigen – so war bei allen Referenten zu hören – müssen wir uns natürlich auch fragen, was junge Menschen zu Gewaltexzessen treibt? Handelt es sich um eine passagere Erscheinung in einer sensiblen Lebensphase? Welchen Einfluss haben Erziehung und Gesellschaft auf die Entwicklung von Gewalt?

Die sächsische Staatsministerin für Soziales, Christine Clauß, beschrieb in ihrem Grußwort eine Gesellschaft im Wertewandel. Es gehe heute mehr denn je um die Befriedigung eigener Bedürfnisse. Das lebten wir – die Erwachsenen – der nachwachsenden Generation vorbildhaft vor. Wenn es um eine gewaltfreie Erziehung gehe, sei deshalb auch die gesamte Gesellschaft angesprochen, Verantwortung zu übernehmen, Mut zu machen, Engagement zu zeigen.

Prof. Reinhard Wiesner wies auf das Jugendalter als besonders sensible und prägende Lebensphase hin: „Auf den Anfang kommt es an!“ So verschieden die Lebenslagen unserer Jugend sind, so verschieden sind ihre Entwicklungsmöglichkeiten. In seinem Referat nannte Wiesner einige wichtige Prädiktoren für Gewalt: niedriger Bildungsstatus, eine eher materialistische Wertordnung, die Erfahrung eigener Diskriminierung (vom Opfer zum Täter), Gewalterfahrungen in der Familie, zunehmende Diskrepanz zwischen arm und reich einschließlich daraus resultierender Hoffnungslosigkeit in der Unterschicht, fehlende Konzepte für eine gelingende gesellschaftliche Integration anderer Weltanschauungen, Religionen und Kulturen sowie das Freizeit- und Medienverhalten junger Menschen.

„Vielleicht hat Gewalt damit zu tun, dass Kinder um Perspektiven ringen“, stellte Prof. Dr. Ralf Evers in seinem nachdenklichen Referat in den Raum. Er schlug vor, Fragen nach dem „Warum“ nicht mit „weil“, sondern mit „damit“ zu beantworten und nicht alles nur aus den Ursachen begründen zu wollen, sondern auch über Ziele und Perspektiven zu reden. Junge Menschen nutzten, so der Rektor der Evangelischen Hochschule Dresden, Aggressionen und Gewalt auch, um ihre Bedürfnisse auszudrücken. Dafür hätten sie bislang keine andere Sprache gefunden.

An den Grenzen der Jugendhilfe: Zusammenarbeit mit der Justiz

Dass die gefühlte Zunahme der durch junge Menschen verübten Gewalt uns wütend und hilflos macht, zeigen die öffentlichen Forderungen nach härterem Durchgreifen, nach drastischeren Strafen für jugendliche Gewalttäter. Aber helfen repressive Maßnahmen tatsächlich, Gewalt zu verhindern oder künftige Straftaten zu vermeiden? Sollte Gewalt eher nach dem Schuldprinzip oder eher nach dem Präventionsprinzip sanktioniert werden und welche Möglichkeiten und Grenzen gibt es dafür?

Was für das gesamte Strafrecht gilt – dass es nämlich nicht um Vergeltung, sondern um normverdeutlichende Sanktionen geht –, gewinnt im Umgang mit jugendlichen Straftätern erst recht handlungsleitende Bedeutung. Das Jugendstrafrecht sieht deshalb verschiedene Strafen bis hin zu erzieherischen Hilfen vor, die Erziehung, Sozialisation und Resozialisierung des jungen Täters zum Ziel haben: Haftstrafen, Strafaussetzung zur Bewährung, Geldstrafen, gemeinnützige Arbeitsstunden, Täter-Opfer-Ausgleich, soziale Trainingskurse und andere Jugendhilfeangebote.

Oberstaatsanwalt Christian Avenarius berichtete erschütternde Einzelbeispiele von Gewaltstraftaten und forderte differenzierte Strafmöglichkeiten für Jugendliche. Das Jugendstrafrecht solle in jedem Fall ein erzieherisches Strafrecht sein. Er betonte die besondere Verantwortung der Person des Richters und seiner Rolle im Strafverfahren. Ein intensives Eindenken in den Jugendlichen und in die Tat sei immens wichtig. Wer über das Strafmaß entscheidet, müsse unbedingt auch den weiteren Lebensweg des Jugendlichen, seine Entwicklungsmöglichkeiten im Auge haben. Häufig sei nicht die Strafe an sich erzieherisch wirksam, sondern bereits die Verhandlung hinterlasse einen tiefen Eindruck beim Jugendlichen.

Auf der anderen Seite habe sich die Justiz bei ihrer Rechtsprechung natürlich an gesetzliche Vorgaben zu halten. Die Erwartungshaltung der Menschen gegenüber der Justiz sei oft überhöht, was aus dem Bedürfnis und Recht nach Sicherheit und Gewaltfreiheit resultiere. Und im Einzelfall – so Avenarius –, insbesondere als Antwort auf wirklich schlimme Gewaltexzesse, seien eben auch harte Strafen im Sinne eines Schuldausgleichs notwendig und sinnvoll, um deutliche Zeichen zu setzen und auch, um in der Folge andere Menschen vor schwerer Gewalt zu bewahren.

Hierzu gingen die Auffassungen der Fachleute zum Teil auseinander: So betonten sowohl die Staatsministerin Clauß als auch Prof. Wiesner und Dr. Björn Hagen vom Evangelischen Erziehungsverband, dass von härteren Strafen keine Reduzierung der Jugendgewalt zu erwarten ist. Es sei vielmehr wissenschaftlich erwiesen, dass jugendliche Straftäter, die mit härteren Strafen wie „Jugendknast“ ohne Bewährung sanktioniert werden, häufiger rückfällig werden als jene, deren Verfehlungen eher ambulante Sanktionen wie Bewährungsstrafen oder Maßnahmen der Jugendgerichtshilfe, z.B. Täter-Opfer-Ausgleich, nach sich zogen. Der Grundsatz „Milde zahlt sich aus“ meint damit sowohl Maßnahmen der Jugendhilfe einschließlich Jugendgerichtshilfe als auch die folgenlose Einstellung von Strafverfahren, die das erzieherische Ziel, nicht erneut straffällig zu werden, eher erlangen als restriktive Maßnahmen.

Außerdem gebe es auch eine staatliche Mitverantwortung, so Prof. Wiesner, die in Form primär-präventiver Maßnahmen – wie der Sicherung von Rahmenbedingungen für ein gesundes Aufwachsen sowie Eltern- und Familienbildung – wahrgenommen wird. Als sekundär-präventive Maßnahmen in der Verantwortung des Staates nannte er das Spektrum der Hilfen und Angebote nach SGB VIII, aber auch die Nachbesserung von Gesetzen oder pure Polizeipräsenz („Die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, schreckt ab!“).

Kurze Wege und eine gute Vernetzung zwischen den beteiligten Institutionen – zwischen Polizei, Gericht, Jugendgerichtshilfe, Trägern der Jugendhilfe – seien besonders wichtig, um Hand in Hand für die Jugendlichen entscheiden zu können. Kurze Wege bedeutet auch, dass zwischen Gewaltdelikt und der staatlichen Sanktion, zwischen Tat und Konsequenz, möglichst wenig Zeit verstreichen sollte, damit die psychologische Wirkung einer Sanktion – für Täter wie Opfer – überhaupt eintreten kann. Hier gibt es in der Praxis noch große Ressourcen.

Erziehungsarbeit ist Beziehungsarbeit

Dieser gern genutzte Grundsatz sozialpädagogischer Arbeit spielte in den Fachvorträgen immer wieder eine gewichtige Rolle. Nur wenn wir in gutem Kontakt zu den jungen Menschen sind, wenn wir genau hinsehen und zuhören, sind wir in der Lage zu verstehen, was sie uns mit ihrem Verhalten – auch in seinen extremen Ausdrucksformen – sagen wollen: „In einer Welt von Missbrauch und Gewalteskalation ist es gut, auf der Seite der Täter zu stehen“ – so beschreibt Dr. Hagen die Motivation von jungen Gewalttätern und resümiert daraus für die Erziehenden: „Erst verstehen, dann erziehen!“ Umgekehrt ließe sich für uns schlussfolgern: Wenn wir gehört werden wollen, wenn wir bewegen, Einfluss auf die Entwicklung junger Menschen nehmen wollen, brauchen wir ihr Vertrauen, brauchen wir Zugang, brauchen wir Beziehung zu ihnen.

Gerade wenn es sich um aggressive Kinder und Jugendliche handelt, geht es nicht um Gewinnen oder Verlieren, sondern darum, Verletzungen zu verhindern und Türen zu den jungen Menschen zu öffnen. Der Deeskalationstrainer Wolfgang Papenberg zeigte in seinem Vortrag zum professionellen Umgang mit jugendlichen Gewalttätern eindrucksvoll, dass dies nur funktioniert, wenn der Respekt für die Kinder und Jugendlichen, wenn ihre Würde zu jeder Zeit gewahrt bleiben, auch und gerade dann, wenn wir als Helfer bei Gewalteskalationen wirksam und schützend eingreifen müssen. Verhindern können wir Gewalt nicht, aber wir können lernen, professionell damit umzugehen. „Machen Sie den professionellen Umgang mit Gewaltsituationen zu einem Qualitätsmerkmal Ihrer Einrichtung!“, rät Papenberg.

Für eine Pädagogik der Anerkennung plädiert auch Prof. Ralf Evers, denn „Werte sind dann in einem Menschen, wenn sie anerkannt werden“. Die Frage der eigenen Haltung sei deshalb eine Grundfrage, die sich Sozialpädagogen und alle, die mit Jugend umgehen, stellen (lassen) müssen: Warum mache ich das, was ist meine Rolle in diesem Arbeitsfeld? Ein wirkliches, authentisches Interesse am jungen Menschen ist eine Grundvoraussetzung für eine gelingende Beziehung, die wiederum Voraussetzung für eine gelingende Erziehung ist.

Fazit

Die gesellschaftliche Wahrnehmung eines Anstiegs und einer Verschärfung der Jugendgewalt heute sind empirisch nicht belegt. Schreckensmeldungen über Jugendkriminalität verbreiten ein verzerrtes Bild von jungen Menschen und prägen die öffentliche Meinung. Dies ist kein neues Phänomen. Schon Sokrates, der von 469 bis 399 vor Christus lebte und wirkte, wird folgende Klage zugeschrieben: „Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn ältere das Zimmer betreten, sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“

Die Art der Gewaltausübung vor allem von Jugendlichen in Gleichaltrigengruppen hat sich jedoch mit der massenhaften Verbreitung neuer Medien verändert. Nicht die Motivation der Straftäter, wohl aber ihre Wirksamkeit hat sich durch Internet und Handy verändert. Hier ist ein konsequentes und versiertes Eingreifen der Erwachsenengeneration notwendig geworden.

Der dringendste Handlungsbedarf beim Zusammenwirken von Jugendhilfe und Justiz ist die Organisation kurzer Wege zwischen den Institutionen und das zeitnahe Wirksamwerden von Konsequenzen für dissoziales Verhalten Jugendlicher, um einen direkten Bezug zur Tat für Täter und auch Opfer zu gewährleisten. Auch ist es Aufgabe der Gesellschaft, sich zu entscheiden, wie viele Ressourcen sie in die Bekämpfung von Symptomen stecken und was sie bereits in präventive Maßnahmen investieren will.

Die Referenten des Fachtages betonten die besondere Verantwortung der Erwachsenen für unsere Jugend. Es sei unsere Aufgabe, junge Menschen zu befähigen, sich anders als durch Gewalt auszudrücken. Mit einem Wort des Heilpädagogen Paul Moor plädierte zum Beispiel Dr. Björn Hagen dafür, nicht die Fehler, sondern das Fehlende in den Blick zu nehmen. Dabei sollten wir uns selbst genau hinterfragen, ob wir das, was wir von der Jugend einfordern, auch selbst tun.

Es kommt darauf an, jungen Menschen die beruhigende Erfahrung zu ermöglichen, dass Konflikte auf Augenhöhe, einander wertschätzend gelöst werden können, dass nicht das Gesetz des Stärkeren gilt und es nicht Schwäche bedeutet, sich menschlich, empathisch, fair zu verhalten. Dies zu vermitteln, braucht es beziehungsfähige Mitarbeitende, die den jungen Menschen eben genau so – auf Augenhöhe, wertschätzend, menschlich, empathisch und fair – begegnen. Dazu gab Prof. Evers mit auf den Weg: „Was ich Pädagogen wünsche: Dass sie über die Hoffnung, die sie trägt, Auskunft geben können.“