Auf dem Sprung über den großen Teich

27. August 2018

Im übertragenen Sinne sitzt Christian Wiegand schon auf gepackten Koffern. Nur noch zwei Tage, dann steigt der Kinderarche-Erzieher aus Lichtenstein ins Flugzeug nach Kalamazoo im US-Bundesstaat Michigan. Drei Monate wird er dort ein Praktikum absolvieren, ehe er Ende November wieder ins Flugzeug steigt und nach Deutschland zurückkehrt. Fragt man ihn heute, ob die Koffer schon gepackt sind, dann schüttelt der 41-Jährige den Kopf. „Ich bin ein 15-Minuten-Packer“, sagt er lachend.

Viel Zeit für die Vorbereitung auf den Sprung über den großen Teich hat Christian Wiegand auch gar nicht, ist er doch gerade mit seiner Wohngruppe in ein neues Domizil umgezogen. Der Umzug selbst, die Einrichtung der neuen Zimmer, die Aufregung der Kinder, der Beginn des neuen Schuljahres – dies alles hält den Erzieher jetzt noch gut auf Trab. Dennoch versucht er, sich in seiner Freizeit schon auf die andere Sprache einzuschwingen. Wie er das macht? Er übersetzt seine Lieblingslieder, er schaut sich seine Lieblingsserie auf Englisch an. Und er freut sich auf das Abenteuer in der neuen Welt.

Von den zahlreichen Bewerbern für das vom Bundesfamilienministerium geförderte Auslandspraktikum war Christian Wiegand unter den 30 Kandidaten, die zum Interview eingeladen wurden. Mit seiner frischen Art hat er es geschafft, einen der zehn Praktikumsplätze zu bekommen. In Kalamazoo wird er vier Tage die Woche praktisch arbeiten und jeweils am „Cultural Friday“ (Kulturfreitag) einen Einblick in die sozialen Institutionen des Landes erhalten. Mit seiner Ansprechpartnerin in den USA konnte er vorher besprechen, wo er eingesetzt wird. „Ich wollte gern ein Arbeitsfeld kennenlernen, das unserer Jugendhilfe ähnlich ist“, erklärt er. Und so wird er jetzt drei Tage die Woche mit obdachlosen Jugendlichen arbeiten und am vierten Tag in „The Arch“, einer Art Inobhutnahme, tätig sein.

Tatsächlich war die Neugier, wie Pädagogik in Amerika verstanden wird, ein wichtiger Beweggrund, sich zu bewerben. „Ich finde es total spannend zu sehen, wie die Arbeit dort läuft“, sagt Christian Wiegand. Und auch auf das Leben in den USA ist er gespannt. „Es ist ja eine ganz andere Kultur, die man im Urlaub gar nicht so kennenlernen kann wie während eines Arbeitsaufenthaltes.“ Hilfreich ist dabei sicher auch, dass die Praktikanten in Gastfamilien untergebracht sind. Insgesamt drei Familien wird Christian Wiegand kennenlernen, weil er nach jeweils einem Monat in die nächste wechselt. „Wir werden uns gut verstehen“, ist sich der optimistische junge Mann sicher.

Spürt er neben all der Freude auf die spannende Zeit auch Bedenken in Bezug auf die kommenden drei Monate? „Naja, die Sprachbarriere ist schon so eine Geschichte“, gesteht er, „und auch das Essen.“ Seit einiger Zeit achtet der sportliche Typ auf gesunde Ernährung – und ist sich nicht sicher, ob ihm das im Fastfood-Land gelingen wird. Und so bemerkt er lachend, dass er vielleicht den noch nicht gepackten Koffer einfach mit Pumpernickel vollfüllt, um gut gerüstet in sein Praktikum zu starten.