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Warten ist ein alltäglicher Vorgang, der uns aber im Innersten berührt: Warten bedeutet, ich muss meine eigenen Bedürfnisse zurückstellen. 

Über das Warten: „Wann sind wir endlich da?“

Was dachten Sie, als Sie zuletzt beim Arzt oder auf den Bus warteten? Oder beim Anstehen an der Supermarkt-Kasse? Empfinden Sie Freude über die geschenkte Zeit oder eher Wut auf eine verpasste Gelegenheit? Oder strengt es Sie einfach nur an?

Warten ist nicht neutral, sondern löst in uns immer Emotionen aus. Das gilt für Erwachsene und für Kinder noch viel mehr. Sehen unsere Kinder uns beim Warten, wie wir ungeduldig und gestresst sind, dann übertragen sich diese Gefühle oft auf sie.

Warten ist ein alltäglicher Vorgang, der uns aber im Innersten berührt: Warten bedeutet, ich muss meine eigenen Bedürfnisse zurückstellen. Ob ich auf den Bus warte oder an der Kasse in der Schlange stehe. Manchmal stört es nicht, auf den Bus zu warten, und ich nutze die Zeit zum Nachdenken oder Entspannen. Wenn jedoch Termine und Verpflichtungen auf mich warten, ist die Geduldsprobe an der Kasse kaum auszuhalten.

Und wie warten Kinder?

Der US-amerikanische Psychologe Walter Mischel hat vor über 40 Jahren in einer Forschung-Studie den sogenannten Marshmallow-Test erfunden. Die Kinder hatten in diesem Test die Wahl, einen Marshmallow gleich zu essen oder zu warten und dafür noch einen weiteren zu bekommen. Er hat festgestellt, dass es immer Kinder gibt, die warten können, zum Teil mit großer Anspannung. Und es gibt Kinder, die einfach sofort die Süßigkeit essen. Vertrauen spielte dabei eine nicht unbedeutende Rolle, denn manche Kinder fragen sich: Gibt es diesen zweiten Marshmallow überhaupt und hält der Erwachsene sein Versprechen?

Im Rahmen dieser Studie wurden die teilnehmenden Kinder im Erwachsenenalter noch einmal befragt, was sehr interessante Erkenntnisse brachte. Die Kinder, die warten konnten, sind zum großen Teil einfühlsame und selbstbewusste Erwachsene geworden, die mit Rückschlägen umgehen konnten und in der Lage waren, eine Belohnung aufzuschieben, unabhängig von ihrer Intelligenz. Die „Sofortesser“ waren weniger emotional stabil, diszipliniert und weniger entschlossen. Inwieweit diese Ergebnisse auf weitere Einflüsse wie Erziehung und Lebensumfeld zurückzuführen sind, ist noch nicht letztgültig bestätigt.

Warum ist es gut, warten zu können? Und ab wann kann ein Kind lernen zu warten?

Wer es gelernt hat zu warten, kann mit einem vollen, stressigen Alltag besser umgehen. Es geht nicht immer alles gleich an die eigene Substanz. Man lebt ein Stück zufriedener. Die Kunst ist dabei, das Wichtige und Unwichtige unterscheiden zu lernen. Und letztlich eigene Emotionen bewusst wahrzunehmen und unter Kontrolle zu haben. So bringt es zum Beispiel nichts, den Busfahrer anzuschreien, weil er mit seinem Bus zu spät ist.

Es gibt verschiedene Entwicklungsphasen, die Kinder durchlaufen, auch in Bezug auf das Thema Bedürfnisrückstellung, also: Warten.

Babys können mit dem Zeitbegriff nichts anfangen. Sie sind darauf angewiesen, dass ihre Bedürfnisse befriedigt werden, um Vertrauen in ihr Gegenüber zu lernen. Wenn Kinder in diesem Alter Urvertrauen lernen, dann erleichtert das auch die Entwicklung in Bezug auf Bedürfnisrückstellung. Was Babys aber mit einem halben Jahr schon lernen, ist ein Gefühl für Abläufe. Wenn Papa mit mir ins Bad geht, dann wechselt er meine Windel.

Zwischen dem 1. und dem 4. Lebensjahr können Kinder mit dem Faktor Zeit und somit auch mit der Frage „Wie lange dauert etwas“ schon etwas mehr anfangen. Mit einem Jahr können Kinder eine Reihenfolge verstehen, deshalb sind Rituale so wichtig in dieser Entwicklungsphase. Zeit ist also an Handlung gebunden. Mit zwei Jahren kommt das Verstehen der Begriffe gestern, morgen und heute dazu. Es hilft also. Zeitangaben zu verwenden, die ein Kind in diesem Alter versteht. Statt morgen kann man zum Beispiel „Nur noch einmal schlafen!“ sagen.

Ab dem 4. Lebensjahr gelingt es den meisten Kindern, sich in andere hineinzuversetzen und somit auch zu verstehen, wenn etwas nicht sofort passiert. Zum Beispiel: „Warte bitte kurz, ich muss erst noch zu Ende telefonieren“ kann dann schon reichen, um eine große Krise abzuwenden.

Nichtsdestotrotz bleibt es für Jung und Alt immer wieder eine Herausforderung und ein Lernfeld fürs ganze Leben.

Wie kann es nun gelingen, Kindern eine Wartekompetenz beizubringen?

Hier einige Tipps:

  • zu allererst braucht es Humor und Gelassenheit
  • wichtig ist es, Kinder ihrem Alter entsprechend herauszufordern, weil sie erst ab einem bestimmten Alter das Konzept des Wartens verstehen
  • ab dem Alter von 4 Jahren kann man kurze Zeitabschnitte beispielsweise mit einer Sanduhr verdeutlichen
  • positive Momente des Wartens schaffen und mit Kindern gemeinsam genießen: wenn man zum Beispiel auf den Bus wartet, kann man mit seinem Kind die Umgebung entdecken, Autos zählen und Farben sortieren oder in der Warteschlange mit seinem Kind ein Gespräch führen und zuhören
  • ruhiges Sprechen von Erwachsenen unterstützt das Lernen von Selbstregulation
  • Routinen erleichtern das Warten: Kommen Abläufe immer wieder und ähneln sich, können sich Kinder entspannen, weil sie wissen, was als Nächstes kommt
  • Kindern erklären, was man selbst noch tun muss, bis es dann losgeht, z.B. „Ich hänge noch die Wäsche auf und dann gehen wir auf den Spielplatz.“

Franziska Decker, Christliches Kinderhaus „Guter Hirte“ Radebeul

Literaturtipps für Kinder:

  • „Viele Grüße, deine Giraffe“ von Megumi Iwasa und Jörg Mühle
  • „Warten auf Goliath“ von Antje Damm
  • „Ein fabelhafter Freundetag“ von Jane Chapman

Buchempfehlung für Eltern

  • „Starke Rituale – starke Familien“ von Dr. Olivia Wartha und Dr. Susann Kobel

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