

Entscheidend ist es, Jugendlichen Verantwortung zu übertragen, Aufgaben anspruchsvoll, aber machbar zu gestalten und das positive Selbstkonzept zu stärken.
„Null Bock“ – und nun?
Sind Sie frustriert und kämpfen mit einem unmotivierten Jugendlichen? Er hört nicht zu, schweigt bei Fragen, passt nicht auf, packt nicht mit an?
Eine Antwort könnte sein: Diesem Jugendlichen fehlt es an einer Aufgabe, an einem Sinn für sein Leben. Die Pubertät mag viel länger dauern als noch vor 100 Jahren, aber die Fragen, die beantwortet werden müssen, sind immer noch dieselben: Wer bin ich? Was macht mich einzigartig? Wo gehöre ich hin?
In der Pubertät gibt es viele Gründe für diese für Erwachsene anstrengende Unlust. In erster Linie führen ganz klar die körperlichen und emotionalen Veränderungen während dieser besonderen Lebensphase zu Lethargie und Stimmungsschwankungen. Oftmals spielen aber auch eine erlernte Hilflosigkeit, zu viele Misserfolge, Überforderung und fehlende Ziele und Perspektiven eine entscheidende Rolle.
Die Antriebslosigkeit und der Rückzug sind grundsätzlich erst einmal als notwendiger Schritt dieser Entwicklungsphase zu betrachten. Während der Pubertät spricht das Belohnungszentrum im Gehirn nur sehr schwach auf das Glückshormon Dopamin an. Jugendliche sind demnach nicht grundsätzlich ‘antriebslos`, sie brauchen nur stärkere Anreize, um motiviert zu sein. Denn Jugendliche können durchaus energiegeladen, engagiert und ausdauernd sein, besonders wenn es um Themen geht, die ihnen persönlich wichtig sind.
Wie können wir den inneren Antrieb fördern?
Hierbei handelt es sich um die intrinsische Motivation. Diese ist der innere Antrieb, eine Tätigkeit aus Freude, Interesse oder Sinnhaftigkeit auszuüben, ohne Belohnung oder Druck von außen. Sie fördert die Eigeninitiative und die Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Man kann diese intrinsische Motivation fördern, indem man Autonomie gewährt, persönliche Interessen einbezieht und Sinnhaftigkeit vermittelt.
Entscheidend ist, Verantwortung zu übertragen, Aufgaben anspruchsvoll, aber machbar zu gestalten und das positive Selbstkonzept zu stärken. Weniger Kontrolle und mehr Mitbestimmung steigern diese Eigenmotivation.
Wie das konkret aussehen kann? Überlegen Sie zum Beispiel gemeinsam mit Ihrem Kind, wie es sein Zimmer umgestalten und einrichten könnte, damit es sich darin wohl fühlt. Lassen Sie Ihr Kind Skizzen anfertigen, die Farbe für die Wände aussuchen, gehen sie zusammen Möbel einkaufen und bauen sie diese gemeinsam auf.
Oder fragen Sie Ihr Kind um Hilfe für das Weihnachtsmenü: von der ersten Idee, welche Speisen es geben könnte bis zum gemeinsamen Einkauf und Zubereiten der Lebensmittel sowie der kreativen Dekoration des Tisches. Oder überlassen Sie Ihrem Kind die Planung für den nächsten Wochenend-Ausflug. Worauf hat der Jugendliche Lust? Welche Stadt wäre sehenswert? Wie kommen wir hin? Was machen wir vor Ort? Wie viel Budget haben wir dafür?
Jugendliche müssen spüren, dass wir an sie glauben
Die Grundlage hierfür ist eine vertrauensvolle und wohlwollende Beziehung. Die Jugendlichen müssen spüren und sich darauf verlassen können, dass wir Erwachsenen für sie da sind und uns bemühen, sie zu verstehen. Dies gelingt natürlich nur, wenn wir weiterhin und trotz aller Veränderungen und Herausforderungen mit dem Jugendlichen im Gespräch bleiben.
Die Jugendlichen müssen wissen und erleben, dass …
- wir verlässlich für sie da sind und sie bei der Bewältigung ihrer Probleme unterstützen, ohne zu verurteilen!
- alle Gefühle richtig und wichtig sind!
- Fehler zum Leben dazu gehören!
- sie einzigartig und wertvoll sind!
- wir ihnen zutrauen, ihren eigenen Weg zu finden!
Und ganz besonders: Dass wir an sie glauben (besonders dann, wenn sie es selbst gerade nicht können)!
Wenn wir diese Dinge wirklich beherzigen und im Alltag umsetzen und zusätzlich Wahlmöglichkeiten bieten, Zwang vermeiden und den persönlichen Sinn hinter Aufgaben aufzeigen, haben wir eine gute Grundlage geschaffen, um den Jugendlichen durch die Phase des Erwachsenwerdens zu begleiten und vielleicht „Null Bock“ in „Ein bisschen Bock“ zu verwandeln.
Trotzdem auf Warnsignale achten
Jedoch kann der Rückzug und die Nullbock-Stimmung auch gefährlich werden. Wenn sich Heranwachsende sozial isolieren und sich zum Beispiel von Freunden oder Interessen, die sie früher begeistert haben, abwenden oder sie über einen längeren Zeitraum keinerlei Freude mehr an Aktivitäten zeigen, sondern nur noch niedergeschlagen sind, sollten Erwachsene aufhorchen. Dann überschreitet die Antriebslosigkeit ein natürliches oder vertretbares Maß. Weitere Warnsignale sind ein deutlicher schulischer Leistungsabfall, ein stark verändertes Essverhalten oder Selbstverletzungen. In diesen Fällen sollten Erwachsene aufmerksam werden und sich professionelle Hilfe suchen:
Anlaufstellen können dann dein:
- Ärzt*innen oder Therapeut*innen
- Erziehungs- und Familienberatungsstellen
- Jugendamt
Auch für Jugendliche selbst gibt es mit der Nummer gegen Kummer (116 111) die anonyme und kostenlose Möglichkeit, sich bei seinen Sorgen beraten zu lassen und Unterstützung zu erhalten.
In jedem Fall ist eines wesentlich: immer im Gespräch zu bleiben, sich Zeit zu nehmen, präsent zu sein – sei es um gemeinsame positive Projekte in Angriff zu nehmen oder um ein offenes Ohr für Kummer und Nöte zu bewahren.
Franziska Bönke, Einrichtungsleiterin Jugendhilfeverbund Kamenzer Land