Ein Leben im Zeichen der Heimerziehung

16. Juni 2020

Wer Ute Erler in der „Wach’schen Villa“ über den Gang flitzen sieht, der kann nicht glauben, dass sie schon 60 Jahre alt sein soll. Entsprechend denkt die Erzieherin auch keinen Augenblick ans Aufhören. „Wenn es mir weiter gut geht und ich mit den Mädels klarkomme, dann kann ich mir vorstellen, bis zur Rente hier zu arbeiten“, sagt die Frau mit der mächtigen Mähne.

Die Mädels – das sind die Mädchen und Mütter der Radebeuler Wohngruppe „Wach’sche Villa“, in der Ute Erler seit über zwölf Jahren arbeitet. Eigentlich ist sie aber schon ihr ganzes Leben in der Kinder- und Jugendhilfe aktiv. „Ich wusste schon mit 14, dass ich mit Kindern arbeiten will“, erinnert sie sich. Weil es mit der Unterstufenlehrerin nicht geklappt hat, entschied sie sich für die Heimerziehung. Bereut hat sie es keinen Tag.

„Erzieher ist ein Beruf, den kannst du nicht lernen“, ist sie überzeugt. Was man mitbringen muss: auf jeden Fall viel Verständnis. „Ich habe nie vergessen, wie ich selbst in dem Alter war“, benennt Ute Erler einen Grund, warum sie auch mit ihren 60 Jahren gut versteht, wie es den jungen Leuten geht. „Ich war auch großschnäuzig, habe Widerworte gegeben, mich für andere eingesetzt.“ Sie weiß, dass hinter der harten Schale oft eine große Verletzlichkeit steckt. Und nimmt deshalb auch die „Großen“ in den Arm, wenn sie mal wieder besonders borstig sind.

Kommt sie nicht trotzdem manchmal an ihre Grenzen? „Manchmal fällt auch mir nichts mehr ein“, gesteht sie und denkt zum Beispiel an die zunehmenden Selbstverletzungen der jungen Frauen, „aber wir sind ein eingespieltes Team und tauschen uns gut aus, wenn es Probleme gibt.“ Trotz aller Herausforderungen würde sie den Job jedem empfehlen, der Interesse daran hat: „Es ist ganz toll, die jungen Leute auf den richtigen Weg zu bringen.“

Noch heute hält sie den Kontakt mit vielen Ehemaligen, tauscht Rezepte aus, wird zur Hochzeit eingeladen, bekommt Glückwünsche zum Muttertag. „Da kriegt man natürlich Gänsehaut“, sagt die zweifache Mutter, die neben den Fotos vom ersten eigenen Enkelkind stolz auch zahlreiche Bilder der größer werdenden Kinder aus der „Wach’schen Villa“ vorzeigen kann.