Kinderarche Sachsen e.V.

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Praktikum: Erst ein mulmiges Gefühl, dann eine tolle Erfahrung

06. April 2021

Jenny Rothe ist 20 Jahre alt und steckt mitten in der Ausbildung zur Erzieherin bei der DPFA Chemnitz. Gerade absolviert sie ihr zweites von insgesamt drei erforderlichen Praktika: in unserer Mutter-Kind-Gruppe in Burgstädt. Hier finden fünf junge Mütter/Väter mit ihren Kindern ein Zuhause auf Zeit, werden dabei unterstützt, eine gute Bindung zu ihrem Kind aufzubauen, und auf ein selbständiges Leben vorbereitet.

Wir freuen uns, hier ein Interview der DPFA Chemnitz mit Jenny Rothe veröffentlichen zu dürfen.

Frau Rothe, die Wahl Ihres Praktikumsplatzes ist ziemlich ungewöhnlich, oder? Oft finden die Berufspraktika der Erzieherschüler:innen ja in Kindertageseinrichtungen wie Kinderkrippe, Kindergarten und Hort oder in Jugendhilfeeinrichtungen wie Jugendclubs oder Heimen statt…

Ja, das stimmt – diese Berufsfelder sind die klassischen, die wir auf jeden Fall über die Praktika kennen lernen.

Wie sind Sie auf die Mutter/Vater-Kind-Wohngruppe, kurz MuK, in Burgstädt aufmerksam geworden?

Übers Radio! Die Aktion Herzenssache von Radio Chemnitz unterstützt jedes Jahr Projekte der Kinderarche Sachsen e. V. wie Therapien, Zusatzangebote und Extra-Betreuung, die rein spendenfinanziert sind. Durch die Radiobeiträge bin ich auf diesen christlichen Träger aufmerksam geworden. Ich habe geschaut, welche der mehr als 40 Einrichtungen, Wohngruppen und Kindertagesstätten in meiner Nähe ist. Die MuK fand ich von Anfang an interessant und die Nähe zu Chemnitz war perfekt.

Mit welchen Erwartungen sind Sie in dieses Praktikum gegangen?

Ich wusste nicht, was mich erwarten würde und hatte deshalb ein mulmiges Gefühl. Erfahrungen mit Kleinkindern in der Kita hatte ich ja schon im ersten Praktikum gesammelt. Aber junge Erwachsene? Das ist ein komplett anderer Umgang. Ich hatte anfangs sehr großen Respekt davor. Die Mütter, die aktuell hier leben, sind deutlich älter als ich erwartet hatte, manche sind deutlich älter als ich. Das war mir vorher nicht bewusst. Ich hatte viele Fragen im Kopf: Würden sie mich akzeptieren? Würden sie mir vertrauen? Würden sie sich auch mal etwas sagen lassen oder Unterstützung und Nähe zulassen? Coronabedingt war auch erst zwei Wochen vorher klar, dass ich das Praktikum antreten darf. Das hat die Situation nicht leichter gemacht.

… – und was ist daraus geworden?

Ehrlich gesagt war es für mich total überraschend, wie viel Spaß die Arbeit mir hier macht und wie abwechslungsreich das Praktikum ist. Meine Befürchtungen sind nicht eingetreten. Ich freue mich jeden Tag auf die Arbeit hier, das habe ich beim Kita-Praktikum nicht ganz so intensiv gespürt. Dort ist der Tagesablauf ja oft relativ gleich. Ich werde hier so gut vom Team begleitet – alle geben mir immer wieder zu verstehen, dass ich sie jederzeit ansprechen kann. Jeden Tag steht mir abends eine Reflektion zur Verfügung, bei der man noch mal mit einer/m Kinderarche-Mitarbeiter:in den Tag besprechen kann. Das hatte ich in meinen anderen Praktika so bisher nicht. Ich fühle mich sehr wohl im Team, willkommen und aufgenommen.

Welche Aufgaben haben Sie, wie ist der Umgang mit den Müttern?

Ich bin wochenweise im Früh- und Spätdienst tätig, das heißt ab 8 Uhr bzw. bis 20 Uhr, und manchmal auch am Wochenende. Ich bin in den kompletten Tagesablauf eingebunden und unterstütze die Muttis zum Beispiel bei alltäglichen Dingen wie hauswirtschaftlichen Tätigkeiten oder dabei, die Babys zu baden oder wickeln. Die Mütter sind ja hier, um zu lernen, was alles zu einem geregelten Tagesablauf dazugehört und wie sie für ihre Kinder gut sorgen können. Natürlich geht es auch darum, Beziehungsarbeit zu leisten. Wie zeige ich Wertschätzung und Empathie? Wie schaffe ich die Balance zwischen Nähe und Distanz? Im Praktikumsbericht müssen wir beschreiben, wie wir das angegangen sind. Das bedeutete für mich, mit den Müttern ins Gespräch zu kommen, etwas über ihre Vergangenheit zu erfahren und darüber, warum sie in der MuK sind. Das fiel mir anfangs schwer, weil ich nicht abschätzen konnte, wie sie darauf reagieren. Es geht da ja um teils traumatische Erfahrungen und ich wollte keine Wunden aufreißen. Aber ich habe von meiner Mentorin viele Tipps bekommen, wie ich Vertrauen aufbauen kann, und das hat super funktioniert.

Aus anfänglichen Bauchschmerzen wurde eine tolle Erfahrung – welche Tipps haben Sie für jüngere Mitschüler:innen in Sachen Praktikum?

Mut zu haben, sich etwas trauen! Offen und unvoreingenommen zu sein. Natürlich kann auch mal was schieflaufen oder nicht so sein, wie man es erwartet hat. Aber auch das sind wichtige Erfahrungen. Die Lehrer an unserer Schule berichten immer wieder von Schülern, die ein bestimmtes Praktikum eigentlich nicht wollten bzw. es sich nicht vorstellen konnten und hinterher begeistert waren. So ging es mir auch bei einem Praktikum in einer Tagesbetreuung für behinderte Kinder. Dabei ist in mir der Wunsch gewachsen, vielleicht später noch die Heilpädagogische Zusatzqualifikation zu machen. Es ist wichtig, dass man die verschiedenen Berufsfelder kennenlernt und herausfindet, was einem liegt.