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Franzi ist viel mehr als eine Careleaverin

09. März 2021

Das Wort „Careleaver“ hat Franzi noch nie gehört. Als Bezeichnung für sich selbst gefällt es der 19-Jährigen, die oft englische Bücher liest, jedoch sehr gut. „Es ist ein schönes Wort“, findet sie. – Franzi ist eine typische Careleaverin: In diesem Jahr wird sie die Fürsorge durch die stationäre Jugendhilfe verlassen und ihr Leben allein in die Hand nehmen. Sie denkt mit gemischten Gefühlen an ihren Auszug: „Einerseits freu ich mich auf die neue Herausforderung“, sagt sie, „andererseits kann ich mir dann keine Hilfe mehr holen, wenn ich sie brauche.“

Statistisch gesehen sind Careleaver viel früher auf sich allein gestellt als junge Menschen, die in einer Familie aufwachsen. Die Mehrheit muss mit 18 Jahren aus Einrichtungen der Jugendhilfe ausziehen, während junge Menschen im Durchschnitt ihr Elternhaus erst mit 23,7 Jahren verlassen.

Franzi hat Glück gehabt: Sie ist mit 18 Jahren von der Kinderarche-Wohngruppe „Wachsche Villa“ ins Trainingswohnen umgezogen und kann sich dort Schritt für Schritt auf ein selbständiges Leben vorbereiten. Zum Beispiel aufs Alleinsein. „Es hat eine Weile gedauert“, berichtet die junge Frau, „aber jetzt fühl ich mich sehr wohl.“ Franzi fährt viel Fahrrad, geht gern spazieren, spielt Gitarre, malt, liest, kocht und putzt die Wohnung.

Und sie lernt. Bis zum Sommer holt sie auf der Abendoberschule ihren Realschulabschluss nach. Sie ist gut in der Klasse angekommen, das Lernen macht ihr Spaß. Deshalb möchte sie ab Sommer ein berufliches Gymnasium besuchen und ihr Abi machen. „Es ist mein Traum, mir noch viel mehr Wissen in verschiedenen Fächern anzueignen“, sagt Franzi, „dann kann ich besser entscheiden, welchen Weg im Leben ich mal einschlagen möchte.“ Spanisch will sie unbedingt weiter lernen, denn es zieht die junge Frau in die weite Welt. „Ich brauche kein großes Haus oder viel Geld“, erklärt sie, „ich will einfach glücklich sein.“

Bisher ist der Platz im Trainingswohnen durch das Jugendamt bis zum Sommer genehmigt, aber Franzi hofft, dass er bis zum Ende des Jahres verlängert wird, um den Übergang in die neue Schule gut zu begleiten. „Vor allem bei Anträgen und Behördendingen brauch ich wirklich Hilfe“, sagt sie, „ich habe keine Ahnung, was mir zusteht und wie ich es beantragen muss.“

Auf diese ganz besondere Situation von Careleavern will die aktuelle Kampagne #mehralscareleaver aufmerksam machen. Sie fordert junge Menschen auf, über ihr Leben zu erzählen. Wir richten deshalb hier noch einmal drei spezielle Fragen von der Kampagnen-Seite an Franzi:

Was zeichnet Careleaver deiner Meinung nach aus?

In einer Wohngruppe muss man sich arrangieren, muss seinen Platz in der Gemeinschaft finden. Ich glaube, ich kann Menschen besser einschätzen, weil ich schon so viele erlebt habe. Ich bin nicht mehr so blauäugig, sondern gehe kritisch mit meinen Mitmenschen um.

Was sind Herausforderungen, die du meistern musst(est)?

Selbstvertrauen gewinnen, seine Stimme finden, den Mut haben, eine Situation zu verändern

Was wünschst du dir – für dich, für andere Careleaver oder unsere Gesellschaft?

Jeder Mensch ist anders. Deshalb wäre es schön, wenn das Jugendamt ein bisschen individueller und nicht immer nach demselben Muster entscheiden würde. Ich wünsche mir, dass jeder junge Mensch, der die Jugendhilfe verlässt, gut informiert und beraten wird, was alles möglich ist, um die richtigen Entscheidungen für sein Leben zu treffen.