So normal wie möglich: Unser Alltag in Zeiten von Corona

20. März 2020

„Geschafft!“ Fröhlich schlägt Anne das Buch zu und sagt: „Physik-Hausaufgaben fertig!“ Gemeinsam mit ihrer Erzieherin Josefine Börner sitzt die 15-Jährige im Flur der Wohngruppe Weinberghaus und beugt sich über ihre Schulsachen. Von 9 bis 12 Uhr ist Lernzeit, und Anne sitzt lieber mit den anderen Schülern im Flur als allein in ihrem Zimmer. „In der Gemeinschaft macht es mehr Spaß“, sagt sie, „und ich kann den Kleineren auch ein bisschen helfen.“

In diesem Moment kommt Florian mit dem Gruppen-Laptop aus seinem Zimmer. Wie Anne ist er in der 10. Klasse und hat ein paar Bewerbungen geschrieben. Auf die Frage, wie er die jetzige Situation findet, rollt er nur mit den Augen: „Schrecklich!“ Er fühlt sich ein bisschen eingesperrt und vermisst seine Freunde. Persönliche Kontakte müssen jetzt durch Telefon oder Nachrichten ersetzt werden.

„Für die Kinder sind die Einschränkungen oft schwierig zu verstehen“, sagt Falk Beyer, stellvertretender Einrichtungsleiter für die Radebeuler Wohngruppen, „denn die derzeitige Krise ist ja nicht zu sehen, es ist ein unsichtbarer Feind.“ Durch viele Gespräche und gemeinsames Nachrichten-Schauen haben jetzt jedoch die meisten jungen Menschen eingesehen, warum es wichtig ist, zu Hause zu bleiben. Und sie suchen sich kreative Möglichkeiten der Beschäftigung. So nutzen die jungen Leute in der Wohngruppe Naundorf ausgiebig die Tischtennisplatte im Garten, um sich dennoch fit zu halten.

Die Wohngruppe Weinberghaus ist sogar in den Gruppen-Weinberg hinterm Haus gestiegen und hat gemeinsam mit Weinbergpatin Sabine Wendsche Reben geschnitten, Draht gezogen sowie Bank und Tisch der Sitzgruppe abgeschliffen und gestrichen. Und die Mädchen und Mütter der Wohngruppe „Wach’sche Villa“ haben schon einen Quiznachmittag organisiert, nutzen die Zeit für gemeinsames kreatives Gestalten oder Backen. Außerdem haben sie die Kamera entdeckt und gehen gemeinsam auf die Suche nach Motiven.

Für die Abstimmung aller Entscheidungen innerhalb des Vereins vernetzen sich die Einrichtungsleitungen aus ganz Sachsen regelmäßig mit Fachbereichsleitung und Vorstand in einer Telefonkonferenz. „Direkte Abstimmung und gute Kommunikation ist jetzt besonders wichtig“, findet Kinderarche-Vorstand Matthias Lang. Er freut sich, dass die Wohngruppen inzwischen gute Routinen für die Ausnahme-Situation entwickelt haben: „Es wurden überall gut strukturierte Tagesabläufe eingeführt, was den Kindern Sicherheit und Orientierung gibt.“

Auch für die Kita-Leitungen gibt es regelmäßige Telefon-Konferenzen zur Abstimmung. Seit Mitte März ist es ruhig geworden in den vier Radebeuler Kinderarche-Kitas, denn dort werden nur noch Kinder betreut, deren Eltern besonderen Berufsgruppen angehören. Viele der Kita-Erzieher, die jetzt zu Hause sind, helfen ihren Kollegen in den Wohngruppen bei der Hausaufgaben-Betreuung. Denn wenn ein Erzieher sich um die Aufgaben von neun Kindern verschiedener Klassenstufen kümmern muss, kommt er schnell an seine Grenze.

„Wir wollen gern gemeinsam versuchen, die Kinder und Jugendlichen in unserer Obhut auch in dieser schwierigen Zeit bestmöglich zu begleiten“, so Kinderarche-Vorstand Matthias Lang. „Und wir freuen uns zu sehen, wie die Kinderarche-Familie in dieser schwierigen Zeit zusammenrückt.“