Zwillingsmama ist kurz vor dem Sprung ins eigenständige Leben

08. Oktober 2020

Schon drei Tage nach Ausbleiben ihrer Regel wusste Julia, dass sie schwanger ist. Dennoch ging sie nach dem positiven Schwangerschaftstest zu ihrer Frauenärztin. Sie wollte es genau wissen. Denn sie war erst 15 Jahre alt. Als auch die Frauenärztin die Schwangerschaft bestätigte, gab es für Julia nur einen Gedanken: „Okay, du übernimmst jetzt Verantwortung für dein Leben.“

Die zweite Überraschung kam drei Monate später. Nachdem erst alle von einem Kind ausgegangen waren, entdeckte die Frauenärztin im dritten/vierten Monat ein zweites Köpfchen im Ultraschall. „Da musste ich erst mal tief Luft holen“, erinnert sich Julia heute. Und trotzdem sagt sie zwei Jahre später: „Die Schwangerschaft hat mich gerettet.“ Denn sie erwischte Julia in einer Zeit ihres Lebens, in der es vor allem bergab ging: Mobbing in der Schule, falsche Freunde, Klauen, Abhauen, Ausweglosigkeit.

Vor allem deshalb hatten sich die Eltern schon ans Jugendamt gewendet. „Sie wussten einfach nicht mehr weiter mit mir“, erzählt die junge Frau. Als dann noch die Schwangerschaft dazukam, entschied das Jugendamt, Julia in eine Mutter-Kind-Gruppe zu schicken. In ihrem Heimatort Kamenz war kein Platz frei, so dass die junge Mutter die ersten acht Monate mit den Babys in einer Einrichtung in Görlitz lebte. Aus Heimweh zu den Eltern versuchte sie die ganze Zeit, einen Platz in Kamenz zu bekommen – eine Herausforderung, weil nicht jede Einrichtung räumlich für Zwillinge ausgerichtet ist.

Schließlich klappte es – und Julia zog mit ihren acht Monate alten Jungs in unsere Mutter-Kind-Gruppe „Kleeblattwichtel“ in Kamenz ein. „Ich habe mich schnell wohl gefühlt“, erinnert sich die junge Frau, „und von den Erziehern viel gelernt.“ Neben den ganz praktischen Dingen wie Füttern, Baden, Wickeln ist es vor allem die innere Einstellung, an der Julia gearbeitet hat. „Ich will gern die liebe Mutti sein“, erzählt sie, „und stoße damit oft an meine Grenzen.“ Wenn die wilden Jungs nicht auf sie hören, explodiert sie schnell, weil sie nicht mehr weiterweiß.

„Wie schaffe ich es, ruhig zu bleiben, konsequent zu sein, den Kindern eine Struktur zu geben – das ist es, was ich noch lernen muss“, weiß die 18-Jährige. Bis Anfang November hat sie dafür Zeit, denn dann zieht sie mit den Zwillingen in eine eigene Wohnung. „Ich freue mich darauf, einzukaufen, zu kochen, meine Zeit selbständig zu gestalten“, sagt Julia, „und ich weiß, dass ich mich auf ein großes Netzwerk verlassen kann.“ Da sind die Großeltern, da sind Freunde, da ist auch die Mutter-Kind-Gruppe, in der sie jederzeit um Rat fragen kann.

„Wir trauen Julia ein selbständiges Leben mit ihren Kindern zu“, sagt Patricia Gill, die drei Jahre lang als BA-Studentin bei den „Kleeblattwichteln“ gearbeitet hat. „Sie hat trotz Corona und trotz Kindern ihren Hauptschulabschluss super hingekriegt, sie hat eine Ausbildung zur Krankenpflegehelferin in der Tasche, sie hat gezeigt, dass sie ihr Leben meistern kann.“