Kinderarche Sachsen e.V.

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Mehr als ein Job

15. Februar 2021

Lange noch ist Johann Hermann zusammengezuckt, wenn er den Klingelton hörte, den er in seinem Leben als Bauingenieur benutzt hatte. Montag bis Freitag allein unterwegs, 50 bis 70 Stunden die Woche, von Baustelle zu Baustelle deutschlandweit, das Handy immer am Ohr – so wollte der junge Mann irgendwann nicht mehr leben. Mit 29 Jahren traf er die Entscheidung, noch einmal komplett von vorn anzufangen.

„Nach meiner Kündigung als Bauingenieur habe ich viel Zeit mit dem einjährigen Sohn meiner Schwester verbracht“, erinnert sich der Radebeuler. Nach einem Kindergeburtstag haben ihm alle gesagt: Du machst das gut. So ist er zu seinem ersten Praktikum in einem Kindergarten gekommen. Und zu seinem Traumberuf im zweiten Leben: Erzieher.

An die Ausbildung denkt er mit einem Lächeln zurück. „Die anderen Schüler waren alles Küken im Vergleich zu mir, sogar der Lehrer war jünger als ich“, erzählt er. „Dennoch habe ich viel gelernt, vor allem über mich selbst.“ Während er als Bauingenieur ein „ausgebildeter Einzelkämpfer“ war, musste er sich nun als Teamplayer beweisen. „Das ist mir wahnsinnig schwergefallen“, sagt der 35-Jährige, „aber ich durfte erleben, wie wir tatsächlich in der Gruppe Ideen entwickeln, auf die ich allein nicht gekommen wäre.“

Sein Schlusspraktikum machte der angehende Erzieher im Ökumenischen Kinderhaus, und hier ist er seitdem geblieben. „Die Wertschätzung der Kollegen und die Freude der Kinder sind unbezahlbar“, betont er mit leuchtenden Augen. „Wenn mir jemand sagen würde, das darfst du nicht mehr tun, würde eine Welt für mich zusammenbrechen.“ Seine Erfahrungen als Bauingenieur kommen ihm zugute, wenn die Kinder wissen wollen, wie ein Bagger aufgebaut ist oder warum ein Haus stehen bleibt. „Ich erkläre Kindern gern, wie etwas funktioniert, und gebe natürlich auch Impulse zum Bauen.“

Das offene Konzept des Ökumenischen Kinderhauses gefällt ihm sehr gut. „Wir müssen nicht jeden Tag drei verschiedene Angebote machen, sondern einfach eine anregende Umgebung schaffen“, ist er überzeugt. So muss er auf der Baustelle im Garten nur drei Äste zusammenbinden, und schon kommen die Kinder und wollen weiterbauen. Und natürlich ist Johann auch gefragt, wenn irgendwo etwas zu richten ist, wofür nicht erst der Hausmeister gerufen werden soll.

Eine Leidenschaft, die der Erzieher in seiner Ausbildung gefunden hat, ist das Musizieren. Als Kind hatte er Flöte und Klarinette gespielt, mit 14 die Gitarre für sich entdeckt. In der Ausbildung hat er den Gitarrenunterricht geliebt, und jetzt nimmt er die Gitarre eigentlich überall mit hin: in den Garten, zu den Mahlzeiten, in den Turnraum, in die Schlafenszeit. „Es ist herrlich, wie sich die Kinder zum Singen anregen lassen, wie Musik sie beruhigen oder aufmuntern kann.“

Auch zu Hause frönt Johann Herrmann dieser Leidenschaft, hat sich ein komplettes Tonstudio eingerichtet, spielt mit einem Freund Coversongs ein. Dass seine Wohnung quasi um die Ecke von der Kita liegt, hat ihm anfangs ein bisschen Bauchschmerzen bereitet. Inzwischen liebt er es gerade, bei jedem Spaziergang Kollegen, Eltern und Kindern über den Weg zu laufen. „Es ist einfach viel mehr als ein Job“, sagt er, „es ist eine schöne Gemeinschaft, die mir große Freude macht.“