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Von der Beobachterin zur Handelnden

15. Januar 2021

Eigentlich wollte Ulrike Henck lieber Menschen analysieren als mit ihnen arbeiten. Nach ihrem Soziologie-Studium war die Personalnot in der Heimerziehung jedoch so groß, dass sie als frischgebackene Soziologin in die Wohngruppe auf der Hauptstraße in Markkleeberg kam und unversehens von der Beobachterrolle in die der handelnden rutschte. „Das war am Anfang wirklich nicht leicht“, erinnert sich die 38-Jährige, „denn die Kinder waren sehr herausfordernd, es gab viele Konflikte.“

Als Berufsanfängerin gleich bei der ersten Station aufzugeben, war für Ulrike Henck jedoch keine Option, und so biss sie sich durch – unterstützt durch unheimlich hilfsbereite und offene Kollegen. Als sich die Personalsituation nach drei Jahren entspannte, fiel auf, dass die junge Frau gar keinen anerkannten Abschluss für die Arbeit in einer Wohngruppe hatte. In einem knappen halben Jahr eignete sich Ulrike Henck deshalb die Ausbildungsinhalte an und absolvierte die Schulfremdenprüfung zum staatlichen anerkannten Erzieher. Ein Jahr lang arbeitete sie bei einem anderen Träger, bis wieder eine Stelle in der Hauptstraße frei wurde. Die Erzieherin musste keine Minute überlegen und wechselte wieder zurück.

„Erst war es das Team, das mich zur Rückkehr bewogen hat“, sagt sie, „immer mehr waren es dann aber die Kinder, die mir so sehr ans Herz gewachsen sind, dass ich mir gar keine andere Arbeit mehr vorstellen kann.“ Aus der Notwendigkeit des Arbeitseinstiegs vor zwölf Jahren ist inzwischen wirklich eine Überzeugung geworden: „Ich finde es einfach erfüllend, einer sinnvollen Aufgabe nachzugehen, ein Ergebnis zu sehen und einen Beitrag zu leisten, die Welt ein Stückchen besser zu machen“, sagt die junge Frau.

Weil sie als Erzieherin immer wieder das Gefühl hatte, an Grenzen zu stoßen, begann Ulrike Henck im November 2019 eine Ausbildung zur Traumapädagogin. „Seitdem ich denken kann, üben Geschichten über menschliche Abgründe bzw. Berichte psychischer Folgen belastender Lebensereignisse eine gewisse Faszination auf mich aus“, erklärt sie. Obwohl sie sich viel über bestimmte Krankheitsbilder angelesen hatte, fehlte die Erfahrung, wie sie Menschen angemessen trösten, ihnen Mut zusprechen, ihnen wirklich helfen könnte.

Das Besondere an ihrer Ausbildung: Es geht nicht nur um kognitives Verständnis oder „rationales Denkverstehen“, sondern um „ganzheitliches Nachempfinden“. Und in der Tat: Durch die vielen Körperübungen und das Reflektieren des eigenen Erlebens kann Ulrike Henck jetzt viel besser verstehen, warum sich traumatisierte Kinder wie verhalten. „Das Trauma ist im Körper drin“, hat sie gelernt, „ebenso wie die Sehnsucht nach Beziehung.“

Seit ihr diese Zusammenhänge so bewusst sind, reagiert die Pädagogin jetzt anders in der Praxis. „Früher hätte ich mich von einem Kind wegbrüllen lassen, weil ich seinen Wunsch, es in Ruhe zu lassen, respektiert hätte“, nennt sie ein Beispiel. „Heute weiß ich, dass ich mehr bewirken kann, wenn ich das Brüllen aushalte und bleibe.“ So schwer das auch fällt – es lohnt sich. „Hinterher war das Kind so gelöst wie lange nicht und konnte mir Sachen erzählen, die es vorher nie erzählte hätte.“

Im März 2021 schließt Ulrike Henck ihre Ausbildung ab, und sie wünscht sich, dass es ihr danach gut gelingt, diesen Blick auf das einzelne Kind mit seinen Bedürfnissen und den Gruppenalltag mit seinen Anforderungen in Einklang zu bringen. In der Kinderarche jedenfalls fühlt sie sich gut aufgehoben, gehört und wertgeschätzt. „Hier steht wirklich der Mensch im Vordergrund“, findet sie, „und ich bin sehr froh, Teil der Kinderarche-Mannschaft zu sein.“